Brief von Jean Vanier an seine Freunde - Mai 2011
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Liebe Freunde,
Es ist wieder Frühling, ja der Frühling ist da. Die Sonne wärmt uns, die Vögel singen und nach den Schneeglöckchen blühen die Veilchen, die Gänseblümchen, die Osterglocken, die Krokusse und tausend weitere Blumen. Auch die Obstbäume stehen in Blüte. Vor meiner Haustür wächst ein kleiner Apfelbaum, der voller Blüten ist, er ist mit Blüten übersät, eine Blütenexplosion, die für den Sommer viele Früchte ankündigt. Und dann ist da noch der Rebstock. Nach dem Treffen in Ottrot, an der alle Gemeinschaften der Arche Frankreich 1996 teilgenommen haben, hat man mir ein kleines Stück Holz übergeben. Man hat mir gesagt, es sei ein Rebstock. Ich habe es eingepflanzt, war aber dabei weder meiner selbst noch des Holzes sicher und dann, im April 1997, als dieses Stück Holz völlig abgestorben schien, hat sich eine kleine grüne Spitze gezeigt, aus der zuerst ein Blatt geworden ist und danach haben sich überall Blätter entwickelt und es gab Trauben. Dieser kleine Rebstock ist groß geworden und hat vor einigen Tagen eine Knospe getrieben. Jetzt ist es Frühling.
Als ich meinen letzten Brief geschrieben habe, lag viel Schnee. Den ganzen Dezember waren die Straßen vereist und die Kälte kroch durch alle Ritzen. Jetzt ist die kalte Jahreszeit vergessen, das Leben steht im Vordergrund. Hierzu möchte ich aus einem Gedicht von Christian Bobin zitieren: „Ich kenne das Geheimnis, ich halte es zwischen meinen Fingerspitzen so wie man einen zarten Schmetterling mit zwei Fingern hält. Vor allen Dingen darf man weder zu stark drücken noch zu viel darüber sprechen. Das Geheimnis ist, dass das Herz der Sterbenden vor Freude explodiert.“ Nach den Schmerzen des Winters kommt der Frühling. Ja, diejenigen, die den Übergang vom Tod zum Leben machen, erleben diesen Freudenausbruch, aber die, die auf Erden leben und die ihre Freunde gehen sehen, leiden.
Im Moment ist Fastenzeit, die mit Jesu Tod enden wird. Man lehnte Jesus und seine Botschaft ab. Er kam, um einen Weg der Gemeinsamkeit und des Friedens einer Welt vorzuschlagen, die tief in Rivalitäten und Zwietracht, in Hass und Krieg steckte.
Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat sich ein kleiner Weg des Friedens geöffnet, der einigen Menschen gegeben wurde, um uns zu verkünden, das wir nicht zur Feindseligkeit sondern zur Liebe berufen sind. Ja, Gott will uns eine neue Kraft geben, einen neuen Geist, damit die Liebe erkannt wird.
Gewiss gibt es in unserer Zeit schreckliche Dramen: in Haiti, Pakistan, an der Elfenbeinküste, in Japan, Libyen und an so vielen anderen Orten, von denen man nicht spricht und auch die vielen tief verletzten Herzen in all unseren Ländern. Wir Menschen sind zart und verletzbar. Unsere Welt ist verletzbar. Und gleichzeitig gibt es an all diesen Stellen des Leids so viele Zeichen der Liebe und mutige Gesten. Jesus Mutter stand bei Jesus am Kreuz. Als Jesus, von seinen Freunden verlassen, zutiefst gedemütigt wurde, war jemand bei ihm. Sie sagte ihm: „Ich liebe dich, ich vertraue dir.“ Sie unterstützte ihn durch ihre Liebe. „Die Arche“ und „Glauben und Licht“ sind in einer Zeit entstanden, in der viele Menschen mit einer Behinderung vor der Geburt abgetrieben werden. Es war notwendig, dass Gott Orte ermunterte, sich nicht nur um sie zu kümmern, sondern um ans Licht zu bringen, dass sie Menschen sind, wunderbare Personen, die den anderen etwas zu geben haben. Und wenn wir eine Beziehung mit ihnen eingehen, können sie unser Herz verwandeln. Aus der tragischsten Situation, ihrem Tod, entstanden Orte, an denen man ihren Wert und ihre Schönheit verkündet. Gott achtet auf unsere verletzte Menschheit.
Manchmal höre ich Leute sagen, dass ich mich jetzt, wo ich 82 bin, ausruhen kann, da ich keine Verantwortung mehr trage. In Wirklichkeit hat mein Leben nun einen noch tieferen Sinn. Ich kann das Wesentliche leben, was bedeutet nicht etwas für die Schwächsten zu machen, sondern mit ihnen zu leben.
Als ich 1950 die Marine verlassen habe, hätte ich mich beinahe in einer kleinen Gemeinschaft engagiert. Sie hieß „Friendship House“ und befand sich im Herzen des Viertels Harlem (in New York). Thomas Merton hatte davon in seiner Autobiographie gesprochen. Ich habe diese Gemeinschaft besucht, als mein Schiff, ein Flugzeugträger, an Ostern 1950 in New York angelegt hat. Irgendwie habe ich geahnt, dass für mich als Jünger Jesu zu leben, bedeutete, mit Ausgegrenzten und Armen zu leben. Einen tiefen Eindruck hatte auch „Catholic Worker“, gegründet von Dorothy Day, in mir hinterlassen. das sind Gemeinschaften in den USA, wo Obdachlose in brüderlichem Geist, dem Geist des Evangeliums beherbergt werden und essen können. Was mich auch sehr berührte und inspirierte war das Leben von Charles de Foucauld und den Kleinen Brüdern und Schwestern Jesu: kleine Gemeinschaften, wo einige Menschen bescheiden und einfach in schwierigen und armen Vierteln zusammenleben, ohne dabei weder die Menschen bekehren zu wollen noch ihnen eine finanzielle Hilfe zu verschaffen, sondern um ihnen einfach zu vermitteln, dass sie geliebt und respektiert werden, dass sie schön sind und dass Gott sie liebt.
Tatsächlich bin ich, wie ihr wisst, nicht in die Gemeinschaft von Harlem gegangen sondern zur Gemeinschaft „Eau Vive“ („Lebendiges Wasser“), die Vater Thomas gegründet hatte. Meine Bindung zu ihm führte dazu, dass ich nach Trosly kam und begann mit Raphaël Simi und Philippe Seux zusammenzuleben. Ich hatte sie aus einer tristen, überfüllten Einrichtung in der Pariser Gegend herausgeholt, in der es viel Gewalt gab. Es war mir bewusst geworden, dass Menschen mit einer Behinderung zu den am meisten Unterdrückten und Verachteten gehörten und dass sie oft in ihrem Haus oder ihrer Einrichtung eingeschlossen waren. Indem ich sie aufnahm, habe ich meinen Wunsch aus dem Jahre 1950 mit ausgegrenzten Personen zusammenzuleben, damit ihre Würde anerkannt werde, verwirklicht.
Viele Jahre trug ich Verantwortung in meiner Gemeinschaft, in der „Arche International“ und bei „Glaube und Licht International“. Heute habe ich offiziell keine Verantwortung. Gewiss war ich immer mit einer Hausgemeinschaft verbunden und nahm dort meine Mahlzeiten ein. Ich wollte immer der Freund und Bruder jedes Gemeinschaftsmitglieds und der anderen Gemeinschaften sein. Ich wollte bei meinen Schwestern und Brüdern sein, um gemeinsam mit ihnen zu beten, zu essen und das Leben zu feiern. Heute ist dieser Aspekt des gemeinsamen Lebens und Essens mit Ausgegrenzten (was Jesus eine Seligpreisung nennt, Lukas 14) in meinem Leben essenziell.
Ich bin immer überzeugter davon, dass Gott die Schwachen, Geistesgestörten und Verachteten auserwählt hat, um die Starken und Intellektuellen zu verwirren. Ihre Einfachheit, ihr Herz, dass oft weiterentwickelt ist als ihre intellektuellen Fähigkeiten, ihr starkes Streben nach Beziehung scheinen sie ganz besonders für Gott, der Liebe und Beziehung ist, zu öffnen. Dieser verliebte Gott fühlt sich wohl mit ihnen.
Jesaja (57,14) sagt im Namen Gottes: „Als Heiliger wohne ich in der Höhe, aber ich bin auch bei den Zerschlagenen und Bedrückten.“ Der Psalm 113 sagt, dass „Gott den Schwachen aus dem Staub emporhebt und den Armen erhöht, der im Schmutz liegt. Er gibt ihm einen Sitz bei den Edlen seines Volkes.“ Die Starken konkurrieren oft, schließen die Schwachen aus und überfahren sie. Gott ist inmitten dieser Schwachen. Meine Freude ist es, mit ihnen zu sein, um das Leben zu feiern.
Das Leben in meiner Wohngemeinschaft ist sehr einfach. Abgesehen von den Mahlzeiten und den Gebeten, wasche ich auch gerne mit allen ab. Ich muss hinzufügen, dass das Geschirr so heiß aus der Maschine kommt, dass es schon fast trocken ist; mein Dienst, den ich sitzend erledige, ist also nicht besonders anstrengend oder fesselnd. Jedoch ist es ein Moment der Freude, bei dem viel gelacht wird. Patrick ist nicht sehr effizient, Eric auch nicht, aber wir haben viel Spaß zusammen.
Mein Leben hier in Trosly, wenn ich nicht bei Besinnungstagen in „La Ferme“ spreche, ist eher „cool“. Morgens habe ich Begegnungen mit Leuten, nach dem Essen ruhe ich mich aus, nachmittags mache ich Besuche, dann ist Messe, danach Abendessen im „Val“, meiner Wohngemeinschaft, und natürlich Geschirrabtrocknen und dann das gemeinsame Gebet. Meistens sind wir mehr als zwanzig beim Essen. Und ich habe selbstverständlich auch stille Momente mit Jesus.
Ich gebe zu, dass ich mich ein wenig wie ein « Dinosaurier » fühle. Die meisten Assistenten und Menschen mit einer Behinderung haben Handys. Ich war an Telefonapparate gewohnt. Ich habe langsam verstanden, was Mobiltelefone sind, ich hatte den Eindruck, dass die Menschen auf der Straße komisch waren, wie sie zu sich selbst sprachen, bis ich schließlich herausfand, dass sie in diese Maschinen zu Freunden sprachen. Mit der Zeit entdeckte ich auch, dass diese kleine Maschine eine Kamera und ein Fernseher und ein Computer mit Google und ein Terminplaner und ich war völlig verblüfft. Wie ist das möglich?
Ich habe erfahren, dass die Franzosen durchschnittlich drei Stunden und zwanzig Minuten am Tag fernsehen. Gewiss gibt es viele interessante Dinge im Fernsehen, aber vieles ist auch erfunden oder voller Gewalt. Die Gefahr besteht, dass das Fernsehen den Reifeprozess des Menschen nicht unterstützt. Reifen bedeutet, nicht nur die Realität hinzunehmen, sondern sie zu akzeptieren und anzunehmen und dann ohne Aggressivität, ohne Depression, ohne ins Virtuelle zu flüchten, ohne Illusion, nicht nach einer Ideologie sondern mit Weisheit, der Weisheit des Verstehens, der Güte und der Wahrheit zu antworten. Aufrichtig sein. Natürlich äußern sich die Wahrheit und die Weisheit nicht nur durch rationales Reden sondern auch in allen Formen der Kunst und der Kultur. Ja, ich fühle mich nicht immer im Gleichklang mit unserer modernen Welt. Davon abgesehen, freue ich mich in meiner Wohngemeinschaft Spaß zu haben, meine Verantwortlichen sind sehr gut zu mir, ich glaube, dass ich sie nicht zu sehr störe und sie akzeptieren, wenn ich mit Gästen komme. Ich möchte von der Gemeinschaft und von zwischenmenschlichen Beziehungen leben und nicht im Virtuellen sondern in der Realität! Und ich bin so glücklich über die Verantwortlichen der Arche und von „Glaube und Licht“ in der ganzen Welt.
Jean-Paul II erklärt seine Vision der Kirche, (und ich habe anstelle von Kirche, das Wort Arche eingesetzt). „Sie ist das Haus und die Schule des gemeinsamen Kommunizierens, dies ist die große Herausforderung für uns in diesem neuen Jahrtausend, wenn wir dem Plan Gottes treu bleiben und den Ansprüchen, den tiefliegenden Erwartungen gerecht werden wollen…eine Spiritualität der Gemeinsamkeit bedeutet, seinem Bruder Aufmerksamkeit zu schenken, Freud und Leid mit ihm zu teilen, um ihm eine wahre und tiefe Freundschaft anzubieten. Eine Spiritualität des gemeinsamen Kommunizierens bedeutet auch, die Fähigkeit zu haben, im anderen vor allem das Positive zu sehen, um ihn anzunehmen und ihn wie eine Gabe Gottes, eine Gabe für mich anzusehen. Und es heißt, dem Bruder einen Platz geben zu wissen, indem wir gegenseitig unsere Lasten tragen.“
Ja, in diesem letzten Abschnitt meines Lebens möchte ich dieses Kommunizieren, die Gemeinsamkeit leben und daran arbeiten, dass sie in meiner Gemeinschaft gelebt wird. Als ich Patrick Mathias (der in Trosly Breuil Psychiater war) fragte, was menschliche Reife sei, hat er geantwortet „die Zärtlichkeit“. Sind die Arche und „Glaube und Licht“ nicht dazu berufen, Orte der Zärtlichkeit und der Gemeinsamkeit zu sein, um so kleine Zeichen für unsere Welt zu sein?
Evangelium bedeutet genau das für mich. Jesus hat vor seinem Leben in der Öffentlichkeit ungefähr 30 Jahre in Nazareth ein verborgenes Leben geführt, hat mit Josef gearbeitet, hat mit ihm und Maria gelebt, und er war für die Bewohner seines Dorfes besonders die Armen da. Jesus fühlte sich auch in der Familie von Marta, Maria und Lazarus in Bethanien wohl (Johannes 11), in der sich das Leben auf die Gemeinschaft mit Lazarus, der schwach war, zentrierte. Charles de Foucauld fühlte sich von einem einfachen Leben mit einfachen Menschen, islamischen Glaubens, angezogen, nicht um sie zu verändern oder zu bekehren, aber um ihnen zu zeigen, dass sie wertvoll waren und Gott sie liebte. Charles de Foucauld fand in diesen armen Menschen ein Zeichen der verborgenen Anwesenheit Gottes.
Mahatma Gandhi und Martin Luther King haben sich auf ihr indisches und farbiges Volk gestützt, um sich für die Einheit der Männer und Frauen Indiens und der Vereinigten Staaten einzusetzen, damit jeder als würdig anerkannt wird. In einer Gesellschaft, wo die Schwachen auf die Seite gedrängt werden, weil sie für Unbehagen sorgen (trotz der reellen Fortschritte um sie anzunehmen) und wo sie oft vor der Geburt abgetrieben werden. Ich fühle mich nicht dazu berufen, auf den Pariser Straßen an großen Demonstrationen teilzunehmen, damit ihre Würde anerkannt wird, sondern nur dazu, mit ihnen zu leben, und so zu zeigen, dass es wundervolle Menschen sind, die unseren Gesellschaften viel zu geben haben, wenn man eine Beziehung zu ihnen aufbaut. Durch unser Leben in der Arche und bei „Glaube und Licht“ und durch die Lebensfreude, die von unseren Gemeinschaften ausgeht, können wir trotz des Leides und unserer Schwierigkeiten eine alternative Lebensform zeigen, in der Feiern, Freude bei der Arbeit und bei den Mahlzeiten, und in der gemeinsames Beten, Kommunizieren und zärtliche Zuneigung unter uns viele dazu führt, dass sie die schwächsten Menschen anders ansehen und sie eine neue Lebensweise entdecken.
Es ist Ostern 2011 ! Es ist ein besonderer Geburtstag für „Glaube und Licht“. 40 Jahre sind vergangen, seit der großen Pilgerreise von 1971, bei der sich 12 000 Pilger nach Lourdes aufgemacht haben, um zu beten und zu feiern in der Hoffnung, dass die schwachen Menschen anders angesehen werden. Und jetzt gibt es 1690 kleine „Glaube und Licht“ Gemeinschaften in 80 Ländern. Marie-Hélène Mathieu beendet gerade ein wunderbares Buch über die Geschichte von „Glaube und Licht“ und wie „Glaube und Licht“ (so wie die Arche) seit ihrer Entstehung von der zärtlichen Hand Gottes, der den Schwachen nahesteht, geführt wird. Danke an alle „Glaube und Licht“ Gemeinschaften, die mir Karten geschickt haben, damit wir gemeinsam diesen schönen Geburtstag feiern.
Ein schönes Fest des neuen Lebens!
Jean Vanier 10/05/2011
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